Prolog · Hintern den Türen einer Anbauvereinigung
Hinter den Türen einer Anbauvereinigung
Als wir die ersten fünf Gramm legal angebautes Cannabis an ein Mitglied abgaben, dachte ich nicht daran, dass wir gerade Geschichte schrieben.
Ich dachte daran, ob wir wirklich alle Reservierungen vorbereitet hatten.
Das klingt kleinlich. War es aber nicht.
Zwei Jahre Arbeit, private Ersparnisse, Mietverträge, Bauamt, Männer mit mehr Meinungen als Körperbehaarung, hunderte Seiten Konzepte und eine Operation zur denkbar schlechtesten Zeit lagen plötzlich in einer kleinen Verpackung auf dem Tisch.
Fünf Gramm Super Silver Haze.
Legal angebaut. Legal dokumentiert. Bereit für die erste legale Abgabe.
Das war der Moment, auf den alles zugelaufen war. Und gleichzeitig war es nicht das Ende. Es war der Moment, in dem die Wirklichkeit anfing.
Ein deutscher Cannabis-Club, im Volksmund auch ganz liebevoll Anbauvereinigung genannt, ist kein Coffeeshop mit Vorsitz, Schatzmeister und Vereinsregistereintrag. Er ist auch keine bunte Dispensary, kein romantischer Kifferverein wie in Katalonien und kein Ort, an dem alle fröhlich mit einem brennenden Joint ums Lagerfeuer tanzen.
Anbauvereinigung und alles was sie ausmacht ist eigentlich der Inbegriff von Deutschland.
Es gibt Kleingartenvereine, Sportvereine, Schützenvereine, Hundezüchtervereine und vermutlich irgendwo auch einen Verein zur Förderung der sachgerechten Aufbewahrung von Vereinsordnern.
Vereine stehen in Deutschland für gesellschaftliches Engagement, soziales Leben, gemeinsame Regeln, Begegnung und das alte Bedürfnis, Gemeinschaft in eine Satzung zu gießen. Für Anbauvereine gilt diese alte Romantik nicht.
Für Anbauvereine bedeutet Verein vor allem: Papierkrieg, Bauamt, Datenschutz, Prävention, Finanzamt, Beiträge, Dokumentation, Labor, Qualitätssicherung, Prozesse, Missverständnisse, Verantwortung und manchmal die sehr deutsche Frage, wer eigentlich die Tür öffnet.

Ich bin Jana Halbreiter, Vorsitzende und Initiatorin der Green Leaf Society e.V., der ersten genehmigten Anbauvereinigung in Berlin.
In dieser Kolumne erzähle ich, wie es dazu kam.
Nicht als Legendstory. Nicht als Werbung. Nicht als „alles war blöd und dann kam endlich die Legalisierung“-Märchen. Sondern ehrlich. Mit einer Prise Humor. Mit vielen Aktenordnern. Mit noch mehr Pimmelpartys.
Von Menschen, die weinten, als sie zum ersten Mal legal Cannabis abholten. Von Menschen, die eine „fette Anzeige wegen Betrug“ androhten. Von Männern, die Cannabis erklärten, als hätten sie persönlich die Photosynthese erfunden. Nicht alle Männer. Aber sind wir mal ehrlich: Es ist erstaunlich oft ein Mann. Von Frauen, die im Hintergrund die Arbeit machten, ohne die nichts funktioniert hätte.
Und von der Erkenntnis, dass die Pflanze am Ende nie das größte Problem war.
Die Wirkung kam aus weiblichen Blüten. Die Bühnen waren oft männlich. Und irgendwo dazwischen versuchten ein paar Frauen aus Ost-Berlin, aus einer guten Idee eine funktionierende, nicht-kommerzielle Anbauvereinigung zu machen.
Alles beginnt dort, wo viele schlechte Entscheidungen beginnen: vor dem Fernseher. Ich hätte damals einfach den Müll runterbringen können.
Habe ich aber nicht.
Ich nahm mein Handy in die Hand und googelte „CANNABIS SOCIAL CLUB BERLIN„.
Es gibt Google-Suchen, nach denen man Schuhe kauft, die man nie anzieht.
Und es gibt Google-Suchen, nach denen man zwei Jahre später private Ersparnisse einsetzt, Mietverträge unterschreibt, Behördenmails formuliert, Bauämter beschäftigt und von Männern erklärt bekommt, warum man leider alles falsch macht, obwohl man als Einzige schon einen Antrag eingereicht hat.
Meine Suche gehörte zur zweiten Sorte. Ich hätte an diesem Abend einfach den Müll runterbringen sollen.
Hinweis: