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Folge 1- Ich hätte mal lieber den Müll runter bringen sollen

    Folge 01 · Weibliche Blüten, männliche Bühnen

    Der Müll stand wahrscheinlich wirklich noch da. Ich weiß es nicht mehr sicher. Aber es fühlt sich wahr an. Und manchmal ist das bei Erinnerungen gefährlich nah an der Realität.

    Was ich sicher weiß: Ich saß im Frühjahr 2023 vor dem Fernseher und wollte nach zwei Jahren Parteimitgliedschaft bei den Freien Wählern in Berlin-Lichtenberg mit Politik eigentlich nichts mehr zu tun haben.

    Das war kurz nach einer Zeit, in der ohnehin alle gesellschaftlichen Nerven blank lagen. Die Pandemie hatte Familien, Freundschaften und Kollegenkreise an Impfentscheidungen, Verordnungen und Grundsatzfragen zerrieben. Plötzlich war jeder Virologe, Verfassungsrechtler, Gesellschaftskritiker und Experte für alles, was gerade in die eigene Wut passte.

    Mein Eintritt in eine Partei war damals auch ein Versuch gewesen, mit der eigenen Unzufriedenheit anders umzugehen. Nicht nur meckern. Nicht nur hoffen, dass andere etwas tun. Sondern das Umfeld, in dem meine Familie und ich leben, aktiv mitgestalten.

    „Wenn du Veränderung willst, beweg deinen eigenen Arsch“

    Das war schon immer eher meine Devise als ein inspirierender Kalenderspruch.

    Also ging ich in die Kommunalpolitik. Und lernte relativ schnell, dass Veränderungswille und Parteiarbeit nicht automatisch dasselbe sind. Es gab viel Klein-Klein. Viele Diskussionen. Viel Energie, die in Zuständigkeiten, Befindlichkeiten und interne Reibung floss. Eine echte Agenda, auf die sich alle mit Kraft und Richtung hätten einigen können, blieb für mich zu oft hinter Verfahren, Eitelkeiten und Grundsatzdebatten stecken.

    Der Landesvorstand war zwar offen homosexuell, aber in vielen politischen Fragen konservativer als Philipp Amthors Kleidungsstil. Und ungefähr so innovationsfreudig, wie man es von Gremien erwartet, die Veränderung vor allem dann mögen, wenn sie vorher ordentlich vertagt wurde.

    Beim Bundesvorstand dachte ich lange: Bayern ist weit genug weg. Was dort passiert, wird in Berlin schon nicht allzu viel kaputt machen.

    Das war optimistisch.

    Nach einer bundespolitischen Affäre, bei der Verantwortung wieder einmal sehr kreativ ausgelegt wurde, war für mich endgültig das Fass voll. Nicht, weil ich erwartet hätte, dass Politik fehlerfrei ist. Sondern weil ich irgendwann keine Lust mehr hatte, Verantwortung immer nur als Wort zu hören, während sie praktisch irgendwo zwischen Presseerklärung und nächster Ausrede verschwand.

    Also trat ich aus.

    Der Austritt war eine gute Entscheidung. Eine richtige Entscheidung. Und für mich persönlich eine notwendige Entscheidung. Ich war durch mit Parteipolitik. Sie hielt ungefähr bis zur nächsten Pressekonferenz der Bundesregierung.

    Karl Lauterbach und Cem Özdemir saßen vor Kameras und erklärten, dass Cannabis in Deutschland legaler und sicherer werden sollte. Nicht legal. Nicht normal. Nur ein bisschen legaler.

    Deutschland wollte ja nicht gleich übermütig werden. Es sollte Eigenanbau geben. Besitzgrenzen. Regeln. Gemeinschaftlichen Anbau. Und dann fiel ein Begriff, den ich vorher noch nie gehört hatte.

    Cannabis Social Clubs.

    Ich hätte an dieser Stelle aufstehen sollen. Nicht aus politischen Gründen. Aus Selbstschutz.

    Ich hätte den Müll runterbringen können. Das wäre vernünftig gewesen. Harmlos. Erwachsen. Niemand hat je versehentlich Berlins erste Anbauvereinigung gegründet, weil er den Müll runtergebracht hat.

    Stattdessen nahm ich mein Handy in die Hand. Und googelte.

    Das war rückblickend betrachtet meine erste Fehlentscheidung in einer langen Reihe sehr engagierter Fehlentscheidungen. Ein paar Monate später würde ich private Ersparnisse einsetzen, Mietverträge unterschreiben, mit Bauämtern schreiben, Konzepte überarbeiten, Behördenmails formulieren und lernen, dass 200 Meter Abstand in Berlin heißt: „Sorry.Ich habe heute leider kein Foto für dich“.

    Aber an diesem Tag wusste ich davon nichts. An diesem Tag saß ich einfach nur vor den Nachrichten und dachte: Was soll das denn sein? Cannabis Social Clubs. Das klang angenehm harmlos. Fast gemütlich. Nach Menschen, die sich treffen, Regeln haben, vielleicht sogar Protokoll führen. Also eigentlich sehr deutsch. Nur eben mit Cannabis.

    Ich war nie der Mensch, der bei Cannabis sofort an Weltuntergang dachte. Aber ich war auch nie der Mensch, der so tat, als sei Cannabis einfach Gemüse mit einer besseren PR. Alles, was wirkt, kann auch schaden. Wer das Gegenteil behauptet, verkauft entweder etwas oder hat nicht lange genug hingeschaut. Genau deshalb störte mich diese deutsche Doppelmoral so sehr. Alkohol durfte Kultur sein. Tabak durfte Gewohnheit sein. Cannabis war Gefahr.

    Nicht einfach ein Risiko unter anderen, über das man ehrlich sprechen müsste.

    Gefahr. Sonderfall. Rauschgift. Sodom und Gomorha.

    Gleichzeitig war es völlig normal, wenn auf Volksfesten neben dem Autoscooter getrunken wurde, während Kinder Zuckerwatte aßen und Erwachsene Brauchtum mit Kontrollverlust verwechselten. Bei der Einschulung wird nicht zuerst gefragt, wer kommt, sondern wo das Radeberger nächste Woche im Angebot ist. Auf Familienfeiern wurde Alkohol nicht nur angeboten. Er wurde erwartet.

    Auf Firmenfeiern wurde er zur offiziellen Erlaubnis, den Kollegenden aus der Buchhaltung plötzlich sehr ungewohnt tiefgründig zu finden.

    Aber Cannabis? Da musste Deutschland erst einmal sehr ernst schauen.

    Ich hielt das Verbot schon lange für unsinnig. Nicht, weil ich Cannabis romantisieren wollte. Sondern weil Verbote selten dadurch besser werden, dass man ihre Widersprüche möglichst lange nicht anschaut. Mein letzter Ausflug nach Amsterdam war damals schon eine Weile her. Und ehrlich gesagt war Cannabis nie der Hauptgrund gewesen, in die Niederlande zu fahren.

    Amsterdam war Amsterdam.

    Die Grachten. Die Häuser. Der Blumenmarkt. Diese Mischung aus Schönheit, Tourismus, Fahrrädern und geordnetem Chaos, von dem einige Teile Deutschlands nur träumen können.

    Coffeeshops waren dort einfach da. Nicht als Sensation. Nicht als gesellschaftlicher Untergang. Nicht als Sondermeldung …“Aber die armen Kinder“

    Man konnte hineingehen oder vorbeigehen. Beides war möglich.

    Niemand fiel vom Glauben ab. Keine ältere Dame wurde beim Anblick einer Coffeeshop-Tür spontan kriminell. Kein Kind explodierte, weil irgendwo Erwachsene etwas taten, das nicht für Kinder bestimmt war.

    Es war normal. Vielleicht war genau das das Irritierende. Normalität. Nicht Verherrlichung. Nicht Panik.

    Einfach ein erwachsener Umgang. Deutschland kann mit Normalität schlecht umgehen, wenn vorher jahrzehntelang Gefahr draufstand. Dann braucht Normalität erst einmal ein Konzept, eine Zuständigkeit und ganz viel Bussgeldvorschriften.

    Also googelte ich weiter.

    Cannabis Social Clubs. Säule 1. Säule 2. Legalisierung. Spanien. Barcelona. ENCOD. Deutschland. Vereinsgründung.

    Das Internet ist gefährlich für Menschen mit Ehrgeiz. Man beginnt mit einer harmlosen Frage und endet mit zwölf geöffneten Tabs, drei PDF-Dateien, einem neuen Ordner auf dem Desktop und dem sehr falschen Gefühl, man hätte die Sache jetzt im Griff. Sehr schnell merkte ich: Das Thema war nicht neu. Nur für mich war es neu.

    Es gab Initiativen. Webseiten. alte Kämpfe, neue Hoffnungen, Konzepte, Forderungen und Menschen, die seit Jahren für eine andere Drogenpolitik arbeiteten. Das verdient Respekt.

    Viele hatten Risiken getragen, Öffentlichkeit hergestellt, diskutiert, gestritten und Türen offengehalten, als Cannabis politisch noch nicht nach Regierungsprojekt klang, sondern nach Randthema mit der Gefahr, wegen zwei Gramm Cannabisblüten sein geordnetes Leben zu verlieren

    Aber gleichzeitig merkte ich auch: Ich suchte nach etwas anderem.

    Viele deutsche Seiten wirkten auf mich laut. Sehr laut. Zu männlich. Zu selbstgewiss. Zu sehr: Wir erklären euch jetzt mal Cannabis.

    Es gab viele Männer, die Cannabis erklärten. Männer, die Freiheit erklärten. Männer, die Verantwortung erklärten. Männer, die ungefähr so wirkten, als hätten sie schon mit der Pflanze gesprochen, bevor die Berliner Mauer gebaut wurde. Das muss nicht automatisch schlecht sein. Manche von ihnen hatten wirklich Ahnung. Manche hatten Erfahrung. Manche hatten sich jahrelang ernsthaft engagiert.

    Aber Erfahrung schützt nicht vor Selbstdarstellung. Und gute Absichten schützen nicht davor, dass eine Bühne irgendwann wichtiger wird als die Arbeit dahinter.

    Manche Texte lasen sich, als sei Cannabis der heilige Gral zur Selbsterkenntnis. Auch das störte mich. Nicht, weil ich Cannabis dämonisieren wollte. Im Gegenteil. Gerade weil ich diese hysterische Sonderstellung falsch fand. Für Teile der Szene war Cannabis die missverstandene Wunderpflanze, die ungefähr alles heilt, außer vielleicht männliche Selbstüberschätzung.

    Ich wollte beides nicht. Ich wollte keine Panik.

    Aber ich wollte auch keine neue Branche, die aus den Fehlern von Alkohol und Tabak nur lernt, wie man Risiken hübscher verpackt.

    Wenn Cannabis legaler werden sollte, dann bitte ehrlich. Nicht als neuer Heilsbringer. Nicht als Lifestyle-Versprechen. Sondern als erwachsene Entscheidung: Menschen konsumieren Cannabis. Sie tun es seit Jahrzehnten. Die Frage ist nicht, ob es passiert. Die Frage ist, unter welchen Bedingungen.

    Heimlich. Unkontrolliert. Über den Schwarzmarkt.

    Oder legal, kontrolliert, gemeinschaftlich, mit klaren Regeln und echter Verantwortung. Das war der Punkt, an dem mich diese Idee packte. Nicht wegen der Pflanze allein. Sondern wegen der Struktur. Ein Social Club klang nach einem Modell zwischen Verbot und Verkauf.

    Nicht Coffeeshop. Nicht Apotheke. Nicht Dealer. Nicht Konzern. Sondern Menschen, die sich organisieren. Gemeinschaft. Kontrolle. Mitgliedschaft. Regeln. Verantwortung.

    Das war interessant. Und gefährlich.

    Denn sobald ich etwas interessant finde, beginne ich zu sortieren. Ich lese nicht einfach nur. Ich lege Ordner an. Ich vergleiche. Ich rechne. Ich frage mich, wer was machen müsste, wo die Kosten liegen, welche Risiken entstehen, wer zuständig wäre, welche Menschen man bräuchte und an was Deutschland sich ausdenken könnte um das ganze Konzept wieder zu zerstören.

    Andere Menschen schauen eine Pressekonferenz und sagen: „Mal sehen, was daraus wird.“ Ich schaue eine Pressekonferenz und denke irgendwann: „Wie soll das in der Realität aussehen“ Das ist keine schöne Eigenschaft. Aber eine praktische.

    Ich las über Spanien. Über Clubs in Barcelona. Über Modelle, die nicht perfekt waren, aber anders. Gewachsener. Sozialer. Weniger nach Hochglanzmarkt, mehr nach Mitgliedschaft. Nicht alles daran gefiel mir.

    Manche Seiten wirkten touristisch. Manche zu locker. Manche zu weit weg von dem, was in Deutschland überhaupt denkbar wäre. Aber da war ein Kern, der mich nicht mehr losließ.

    Ein Verein als Schutzraum. Nicht vor Regeln. Sondern durch Regeln.

    Ein Ort, an dem Erwachsene nicht kriminalisiert werden, aber auch niemand so tut, als sei Konsum ohne Verantwortung. Ein Modell, das nicht auf möglichst viel Verkauf angewiesen ist. Keine Konsummaximierung.

    Kein „zwei Gramm gratis, wenn du einen Freund mitbringst“. Kein Rabattcode zum Black Friday.

    Sondern eine Struktur, die sagt: Wir kennen unsere Mitglieder. Wir dokumentieren. Wir begrenzen. Wir sprechen über Risiken. Wir nehmen Jugendschutz ernst. Wir nehmen Gesundheitsschutz ernst. Und wir tun so, als wären erwachsene Menschen erwachsen.

    Das klang für mich vernünftig. Was in Deutschland immer ein Warnsignal ist. Vernünftige Ideen haben hier selten freie Fahrt. Sie bekommen einen Referentenentwurf, eine Übergangsfrist, widersprüchliche Zuständigkeiten und am Ende jemanden, der sagt: „Bitte reichen sie Anlage 42b bis zum 30.06. ein“

    Trotzdem blieb ich dran. Ich las weiter. Ich klickte weiter. Ich wurde neugieriger. Aus einer Suche wurden mehrere Abende. Aus mehreren Abenden wurde ein Ordner. Aus einem Ordner wurde eine Idee, die sich nicht mehr schließen ließ.

    Und irgendwo zwischen Tagesschau, Google und deutschem Grundmisstrauen passierte etwas, das ich damals noch nicht richtig verstand: Ich hörte auf, nur zuzuschauen. Das ist der gefährlichste Moment.

    Nicht der Moment, in dem man sich aufregt. Aufregen ist einfach. Aufregen kostet nix.

    Gefährlich wird es, wenn man anfängt zu fragen: Warum eigentlich nicht? Warum eigentlich kein Verein, der es anders macht? Warum eigentlich keine Struktur, die nicht auf Verharmlosung setzt, sondern auf Ehrlichkeit?

    Warum eigentlich nicht in Berlin? Warum eigentlich nicht wir?

    Der Müll stand übrigens immer noch da.

    Die Idee auch. Nur die Idee hatte inzwischen deutlich bessere Chancen, ernst genommen zu werden.

    Was davon bleibt

    Wenn ich heute auf diesen Moment zurückblicke, wirkt er kleiner, als er war.

    Eine Pressekonferenz. Ein Handy. Eine Google-Suche. Mehr nicht.

    Aber viele große Projekte beginnen nicht mit einem Plan. Sie beginnen mit einem kleinen inneren Widerspruch. Bei mir war es dieser: Deutschland wollte Cannabis legalisieren, aber offenbar ohne wirklich darüber zu sprechen, was Legalität praktisch bedeutet.

    Nicht politisch. Praktisch in der Lebensrealität.

    Wer macht die Tür auf? Wer unterschreibt den Mietvertrag?

    Wer erklärt dem Bauamt, dass eine Anbauvereinigung weder ein Coffeeshop noch eine Gärtnerei im klassischen Sinne ist? Wer schreibt das Präventionskonzept? Wer bezahlt die ersten Rechnungen?

    Wer hält den Kopf hin, wenn aus einer Idee plötzlich Verantwortung wird? Damals wusste ich noch nicht, dass ich auf viele dieser Fragen später selbst antworten würde.

    Ich wusste nicht, dass aus einer Google-Suche Geschichte werden würde.

    Ich wusste nicht, dass ich irgendwann mit Bauämtern über Cannabis sprechen, private Risiken tragen und lernen würde, dass man in der Cannabis-Szene sogar falsch gewinnen kann.

    Ich wusste nur: Ich hatte gegoogelt.

    Und manchmal reicht das leider, damit die Dinge anfangen.

    Hinweis:

    Diese Kolumne erzählt persönliche Erfahrungen aus der Gründung und Arbeit der Green Leaf Society e.V. Sie ist keine Werbung für Cannabis und kein Konsumanreiz, sondern ein Einblick in Vereinsarbeit, Legalisierung und Verantwortung.

    Green Leaf Society e.V. ist eine nicht-kommerzielle Anbauvereinigung in Berlin. Informationen zu Mitgliedschaft, Voraussetzungen, Beiträgen, Prävention und Vereinsstruktur findest du auf den Informationsseiten des Vereins.

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