Folge 02 · Weibliche Blüten, männliche Bühnen
Der Müll stand wahrscheinlich wirklich noch da. Ich weiß es nicht mehr sicher. Aber es fühlt sich wahr an. Und manchmal ist das bei Erinnerungen gefährlich nah an der Realität.
Nach der ersten Google-Suche war ich noch nicht überzeugt, dass ich irgendetwas gründen sollte.
Ich war nur irritiert. Das ist bei mir meistens der Anfang.
Andere Menschen lesen etwas, finden es komisch und machen dann weiter mit ihrem Leben. Ich lese etwas, finde es komisch und beginne, Begriffe nachzuschlagen und mir innerlich eine Tabelle anzulegen, die niemand bestellt hat. Cannabis Social Clubs klangen erst einmal vernünftig.
Und genau das machte mich misstrauisch.
Denn wenn in Deutschland etwas vernünftig klingt, dauert es meistens nicht lange, bis jemand erklärt, warum es leider nicht geht, wegen Zuständigkeit, Brandschutz, europarechtlicher Fragen oder weil in Anlage 3b noch eine Unterschrift fehlt.
Aber bevor ich überhaupt verstehen konnte, wie so ein Club praktisch funktionieren sollte, musste ich etwas anderes sortieren. Meine eigene Haltung zu Cannabis. Denn ich merkte schnell: Wer sich mit Cannabis beschäftigt, wird sehr schnell in eine Ecke gestellt.
Entweder man ist gefährlich liberal. Oder langweilig spießig. Entweder man ist für Freiheit. Oder für Verbote. Entweder man hat verstanden, dass Cannabis eine Pflanze ist. Oder man ist Teil eines finsteren Systems aus Angst, Pharmaindustrie und Politischer Agenda.
Dazwischen war erstaunlich wenig Platz.
Ich fand das schwierig. Nicht, weil ich keinen Standpunkt hatte. Sondern weil ich einen Standpunkt hatte, der in diese Schubladen nicht richtig hineinpasste. Ich hielt das Cannabisverbot für falsch. Aber ich hielt Cannabis nicht für harmlos. Ich wollte Entkriminalisierung. Aber keine Verharmlosung.
Ich wollte Normalität. Aber keine neue Industrie, die aus jeder Sorte ein Lifestyle-Produkt macht. Ich wollte, dass Erwachsene nicht kriminalisiert werden, weil sie Cannabis konsumieren. Aber ich wollte auch nicht so tun, als sei jeder Konsum automatisch reflektiert, gesund, politisch widerständig und irgendwie von der Natur persönlich abgesegnet.
Cannabis war kein Teufelszeug. Aber es war auch kein Brokolli.
Das klingt banal. War es aber nicht. Denn die deutsche Debatte hatte jahrelang so getan, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten.
Entweder Cannabis ist der Einstieg in den Untergang, eine Art botanischer Abgrund, aus dem niemand zurückkehrt, sobald er einmal daran gerochen hat. Oder Cannabis ist eine missverstandene Wunderpflanze, die eigentlich nur deshalb Probleme macht, weil schlechte Menschen sie verboten haben. Beides war mir zu einfach.
Und einfache Antworten sind meistens dort besonders beliebt, wo niemand Lust hat, Verantwortung zu übernehmen. Ich hatte keine Lust auf eine Legalisierung, die nur die Vorzeichen austauscht. Vorher: Cannabis ist böse. Nachher: Cannabis ist super.
Das wäre keine Aufklärung gewesen. Das wäre nur die Umkehrung derselben Denkfaulheit.
Ich wollte nicht, dass Deutschland jahrzehntelang Panik erzählt und danach plötzlich so tut, als sei Konsum ohne Risiko, nur weil es politisch gerade besser passt. Alles, was wirkt, kann auch schaden. Das gilt für Alkohol. Das gilt für Medikamente. Das gilt für Glücksspiel. Das gilt für soziale Medien.
Und ja, das gilt auch für Cannabis.
Die Frage ist nicht, ob Risiken existieren. Die Frage ist, ob man ehrlich genug ist, sie zu benennen, ohne Menschen dafür zu behandeln, als wären sie Kinder oder Straftäter. Genau dort lag für mich der Unterschied. Ich hatte kein Interesse daran, erwachsene Menschen zu bevormunden. Aber ich hatte auch kein Interesse daran, Verantwortung mit Coolness zu verwechseln. Deutschland hatte sich beim Thema Cannabis jahrzehntelang sehr sicher gefühlt. Nicht sachlich sicher. Moralisch sicher. Cannabis war illegal, also war die Sache erledigt.
Das ist eine sehr deutsche Form der Problemlösung: Man erklärt etwas für verboten und nennt das dann Ordnung. Ob Menschen trotzdem konsumieren, war zweitrangig. Ob sie wissen, was sie konsumieren, auch.Ob sie auf dem Schwarzmarkt landen, mit gestreckter Ware, unbekannten Wirkstoffgehalten, problematischen Kontakten und keinerlei Beratung, spielte in der praktischen Debatte oft eine erstaunlich kleine Rolle.
Hauptsache, auf dem Papier war die Welt sortiert.
Das Papier hatte nur einen Nachteil. Menschen hielten sich nicht daran. Sie konsumierten trotzdem. Heimlich. Schlecht informiert. Mit schlechtem Gewissen oder ohne. Mit Risiko oder ohne Bewusstsein für Risiko. Mit Dealer oder Freundeskreis. Mit Glück oder Pech. Und jedes Mal konnte Deutschland sagen: Das ist verboten, dafür sind wir nicht zuständig. Diese Haltung fand ich feige. Nicht Verantwortungsbewusst. Feige.
Denn Strenge kann Verantwortung sein, wenn sie ehrlich ist. Aber Wegsehen hinter einem Verbot ist keine Verantwortung. Es ist nur bequem. Gleichzeitig störte mich aber auch der Ton auf der anderen Seite.
Viele Legalisierungsbefürworter hatten recht, wenn sie sagten, dass die Prohibition gescheitert war. Natürlich war sie gescheitert. Man musste nur nicht so tun, als sei jede Kritik an Cannabis automatisch Prohibition. Man konnte für Legalisierung sein und trotzdem über Psychosen sprechen.
Über Abhängigkeit. Über problematischen Konsum. Über Jugendliche.
Über Menschen, die Cannabis nicht zur Entspannung nutzen, sondern weil sie ohne Rausch ihren Alltag kaum noch aushalten. Über die Frage, warum manche Menschen konsumieren. Nicht nur, dass sie konsumieren.
Das war mir wichtig. Vielleicht auch, weil ich Mutter bin. Vielleicht, weil ich vorher schon genug politische Debatten gesehen hatte, in denen alle so sehr recht haben wollten, dass niemand mehr zuhörte. Vielleicht auch einfach, weil ich keine Lust hatte, ein neues Thema mit alten Fehlern aufzubauen. Ich wollte nicht die zweite Alkoholbranche. Nur mit Hanfblatt und Bunter.
Alkohol ist in Deutschland so normal, dass man seine Schäden fast übersehen kann, wenn man nicht direkt betroffen ist. Er steht im Supermarkt neben der Grillkohle. Er gehört zum Fußball. Zum Geburtstag. Zur Hochzeit. Zum Feierabend. Zum Anstoßen. Zum Runterkommen. Zur Entschuldigung.
Zu fast allem.
Wenn jemand sagt, er trinke keinen Alkohol, muss er sich oft mehr erklären als jemand, der trinkt. Das allein sagt eigentlich schon genug. Und trotzdem wurde Cannabis behandelt, als würde eine einzelne Blüte mehr gesellschaftlichen Schaden anrichten als ein ganzes Bierzelt im August. Ich fand das absurd.
Aber aus dieser Absurdität folgte für mich nicht, dass Cannabis verharmlost werden muss. Im Gegenteil. Gerade weil Alkohol so normalisiert wurde, hätte man daraus lernen können. Man hätte sagen können: Wir machen es diesmal besser. Nicht mit Werbung. Nicht mit Konsumdruck. Nicht mit Rabatten. Nicht mit kommerzieller Erwartung. Nicht mit „stell dich nicht so an“.
Sondern mit klaren Regeln, Wissen, Begrenzung, Prävention und einer Kultur, in der man auch sagen kann: Für dich ist das vielleicht gerade keine gute Idee. Das wäre erwachsen gewesen. Also vermutlich nicht besonders deutsch.
Ich las weiter. Ich schaute mir Webseiten an. Foren. Positionspapiere. Berichte. Initiativen. Ich fand Menschen, die sehr klug über Drogenpolitik schrieben. Ich fand Menschen, die seit Jahren für Entkriminalisierung kämpften und denen man anmerkte, dass sie müde waren von der immer gleichen moralischen Panik. Ich fand aber auch Seiten, auf denen Cannabis so verklärt wurde, dass man fast erwartete, die Pflanze löse nebenbei noch den Fachkräftemangel, die Mietpreise und emotionale Defizite aus der Kindheit.
Heilpflanze. Freiheitspflanze. Widerstandspflanze. Alles gleichzeitig.
Das war mir zu viel Last für eine Pflanze. Cannabis ist eine Pflanze.
Eine interessante Pflanze.Eine wirksame Pflanze. Eine Pflanze mit Geschichte, Politik, Medizin, Kultur, Risiko und Nutzen.Aber keine Heilige. Und kein Dämon.
Vielleicht war genau das mein Problem mit der Debatte. Sie war zu selten erwachsen. Die einen sprachen über Cannabis, als müsse man die Bevölkerung vor einer grünen Apokalypse retten. Die anderen sprachen darüber, als sei jedes Risiko nur eine Erfindung von Menschen, die noch nie entspannt waren.
Ich wollte weder Apokalypse noch Räucherstäbchen. Ich wollte Realität. Und Realität ist meistens weniger bequem als beide Lager. Realität bedeutet: Manche Menschen konsumieren gelegentlich und unproblematisch. Manche konsumieren zu viel. Manche nutzen Cannabis medizinisch sinnvoll. Manche benutzen medizinische Begriffe, weil sie eigentlich nur einfacher an Cannabis kommen wollen. Manche Jugendliche sollten besser nicht konsumieren. Manche Erwachsene sollten auch besser nicht konsumieren. Manche profitieren von klaren Regeln. Manche testen Grenzen. Manche hören zu. Manche lesen nicht einmal die Überschrift.
Wer eine Anbauvereinigung gründen will, muss mit all diesen Menschen rechnen. Nicht mit der idealen Version von Mitgliedern. Mit echten. Das wusste ich damals noch nicht in dieser Klarheit. Aber ich ahnte es. Und vielleicht war genau diese Ahnung der Grund, warum mich die Idee eines nicht-kommerziellen Vereins interessierte. Nicht, weil Vereine und Gemeinschaft automatisch bessere Menschen hervorbringen. Das ist ein weit verbreiteter Irrtum, den ich später noch gründlich kennenlernen durfte.
Sondern weil ein Verein zumindest die Möglichkeit bietet, Regeln nicht nur als Verkaufsbedingung zu verstehen, sondern als gemeinsamen Rahmen. Mitgliedschaft ist etwas anderes als Kundschaft.
Zumindest sollte sie das sein. Kundschaft fragt: Was bekomme ich? Mitgliedschaft fragt im besten Fall auch: Wie kann ich unterstützen? Das ist ein großer Unterschied. Und ein sehr anstrengender.
Ein nicht-kommerzieller Cannabisverein durfte für mich nicht einfach ein Shop mit Vereinsregistereintrag werden. Nicht: möglichst viele Menschen, möglichst viel Abgabe, möglichst wenig Reibung. Sondern: begrenzter Zugang, nachvollziehbare Prozesse, Prävention, Jugendschutz, Gesundheitsschutz, Dokumentation und eine klare Haltung. Nicht, weil Regeln Spaß machen. Regeln machen selten Spaß.
Aber sie verhindern manchmal, dass aus Freiheit einfach nur der lauteste Wunsch gewinnt. Ich hatte keine Lust, Cannabis schönzureden. Ich hatte Lust, die Diskussion ehrlich zu führen. Und das war überraschend schwer. Denn Ehrlichkeit ist in politischen Debatten oft unbeliebt.
Sie macht beide Seiten unzufrieden. Den Gegnern ist sie nicht streng genug. Den Fans ist sie nicht begeistert genug. Ehrlichkeit ist selten kampagnentauglich. Aber sie ist ziemlich nützlich, wenn man später wirklich etwas aufbauen will. Ich merkte: Wenn ich mich mit diesem Thema beschäftige, dann nicht als Teil einer Jubelveranstaltung. Nicht als Gegenpol zur Verbotspanik, der einfach nur lauter „Freiheit“ ruft. Sondern mit einem ziemlich trockenen Satz im Kopf:
Cannabis ist weder Teufelszeug noch Brokkoli
Aber es wirkt. Und alles, was wirkt, braucht Verantwortung. Dieser Satz wurde für mich zu einer Art innerem Filter. Wenn jemand Cannabis verteufelte, dachte ich: Es ist kein Teufelszeug.
Wenn jemand Cannabis verklärte, dachte ich: Aber es ist auch kein Brokkoli.
Wenn jemand sagte, ein Club könne das schon irgendwie regeln, dachte ich: Verantwortung ist kein irgendwie.
Wenn jemand meinte, Prävention sei ein lästiger Behördenbaustein, dachte ich: Dann habt ihr das Prinzip nicht verstanden. Prävention war für mich nicht der langweilige Teil. Prävention war der Unterschied zwischen Stefan Raabs „Wir kiffen“ und „Wir haben verstanden, was wir da tun“. Das klingt vielleicht streng. Ist es auch.
Aber ich glaube, es braucht diese Strenge, wenn man Normalität ernst meint. Normalität bedeutet nicht, dass etwas egal ist. Normalität bedeutet, dass man damit umgehen kann, ohne zu übertreiben und ohne wegzusehen.
Ich wollte, dass Cannabis aus der Schmuddelecke kommt. Aber nicht direkt in die Werbebroschüre.
Ich wollte, dass Erwachsene legal konsumieren können. Aber nicht, dass Konsum zur Identitätspflicht wird. Ich wollte, dass Menschen nicht kriminalisiert werden. Aber auch nicht, dass jede kritische Nachfrage sofort als Verrat gilt.
Kurz gesagt: Ich wollte eine Legalisierung, die erwachsen genug ist, Widersprüche auszuhalten. Das war vermutlich der Moment, in dem ich endgültig verloren hatte.
Denn wenn man anfängt, bei einem politischen Thema Widersprüche ernst zu nehmen, ist man sehr schnell nicht mehr Zuschauerin. Man beginnt, Modelle zu vergleichen. Man fragt sich, wie andere Länder es machen. Man liest über Spanien. Über Clubs. Über Mitgliedschaft. Über ENCOD. Über Vereinsstrukturen. Über Risiken. Über rechtliche Grauzonen.
Über alles, was man eigentlich nicht lesen müsste, wenn man rechtzeitig den Müll runtergebracht hätte.
Und langsam wurde aus einer Idee eine Richtung. Nicht: Cannabis muss endlich überall verkauft werden. Nicht: Alle sollen machen, was sie wollen.
Sondern: Es müsste möglich sein, eine legale, verantwortliche, nicht-kommerzielle Struktur aufzubauen, die weder kriminalisiert noch verklärt. Eine Struktur, die Erwachsene ernst nimmt. Eine Struktur, die Jugendliche schützt. Eine Struktur, die nicht auf Konsummaximierung angewiesen ist.
Eine Struktur, die sagt: Wir tun das nicht, weil Cannabis harmlos ist. Wir tun das, weil Verbote nicht ehrlich waren und der Schwarzmarkt keine Präventionskonzepte schreibt.
Das war der Kern. Und dieser Kern ließ mich nicht mehr losn.
Was davon bleibt
Wenn ich heute auf diese Phase zurückblicke, war sie wichtiger, als sie damals wirkte.
Denn bevor man Räume sucht, Satzungen schreibt, Behörden kontaktiert oder Kredite aufnimmt, muss man wissen, warum man es überhaupt tut. Nicht nur politisch. Persönlich.
Meine Antwort war nicht: weil Cannabis toll ist. Meine Antwort war: weil erwachsene Menschen einen ehrlichen, legalen und verantwortlichen Umgang mit Cannabis verdienen und können.
Und weil eine Gesellschaft, die Alkohol als Kulturgut behandelt, bei Cannabis nicht plötzlich so tun sollte, als sei sie von der Sorge um die Jugend völlig überwältigt. Diese Sorge wäre glaubwürdiger, wenn sie konsequent wäre. War sie aber selten.
Deshalb wollte ich kein Modell, das Cannabis einfach feiert. Ich wollte ein Modell, das Verantwortung organisiert.Das klingt weniger sexy. Aber es hält länger.
Und es war der Grund, warum ich nach der ersten Google-Suche nicht aufhörte zu lesen. Ich suchte nicht nach einem Rausch. Ich suchte nach einer Struktur.
Glückerweise oder leider fand ich irgendwann eine.
Hinweis: