Zum Inhalt springen
Startseite » Folge 3- Recherche und Tapas

Folge 3- Recherche und Tapas

    Folge 03 · Weibliche Blüten, männliche Bühnen

    Nachdem für mich klar war, dass Cannabis weder Teufelszeug noch Brokkoli ist, blieb eine ziemlich unangenehme Frage übrig:

    Wie sieht ein erwachsener Umgang damit eigentlich aus? Nicht als Positionspapier. Nicht als Talkshow-Satz. Nicht als deutsche Grundsatzdebatte, in der Menschen sehr lange „Eigenverantwortung“ sagen können, ohne selbst irgendetwas zu verantworten. Sondern in echt.

    Als Raum, durch dessen Tür echte Menschen gehen. Denn genau das fehlte mir in Deutschland.

    Hier wurde viel erklärt. Sehr viel. Die Verbotsseite erklärte den Untergang. Die Szene erklärte Freiheit. Die Politik erklärte Säulen. Und irgendwo dazwischen fehlte mir der Ort, an dem man sehen konnte, ob diese ganze Theorie funktioniert, wenn Menschen nicht mehr nur darüber reden, sondern tatsächlich zusammenkommen.

    Deutschland diskutierte Cannabis, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten: wegsperren oder bejubeln. Beides war mir zu wenig. Ich wollte wissen, ob es irgendwo ein Modell gibt, das nicht nach Dealer, nicht nach Dispensary und nicht nach „Legalize it“-Männerchor klingt. Ein Freund sagte irgendwann: „Dann schaut es euch doch direkt in Spanien an.“

    Das klang vernünftig.

    Und gefährlich nah an Urlaub. Viele Entscheidungen, die später nach Bauamt, Kreditvertrag und Papierkrieg aussehen, beginnen erstaunlich harmlos. Man sagt: „Wir schauen uns das nur mal an.“ Und meinte damit eigentlich: Ich möchte eine Idee begreifen, bevor sie mich aus Unwissenheit ruiniert.

    Also fuhren meine Frau und ich nach Barcelona. Natürlich zur Recherche. Das war die offizielle Version. Die inoffizielle Version enthielt Tapas, Sonne und die naive Hoffnung, dass politische Bildung gelegentlich auch in Städten stattfinden darf, die nicht nach Aktenordner riechen.

    Barcelona ist kein Paradies. Das muss man direkt sagen, bevor wieder irgendjemand denkt, ich hätte dort zwischen Sangria und Sagrada Família die perfekte Cannabiswelt gefunden. Habe ich nicht.

    Auch Barcelona hat Tourismus, Grauzonen, Clubs mit fragwürdigem Charme und vermutlich mehr Kreuzfahrtschiffe, als eine Stadt mit Würde ertragen sollte. Aber Barcelona hatte etwas, das Deutschland beim Thema Cannabis selten hatte: eine gewisse Entspanntheit, die nicht sofort in das Märchen des Kontrollverlust kippte.

    Cannabis war dort nicht unsichtbar. Aber auch nicht überall. Es war nicht das Ende der Zivilisation. Es war nicht automatisch Lifestyle. Es war Teil einer gewachsenen Kultur: politisch, sozial, kompliziert. Bei Cannabispolitik bekommt man selten nur eine Schublade. Meistens bekommt man gleich den ganzen Schrank.

    Wir hatten eine Empfehlung bekommen: ein Club in der Nähe der Sagrada Família. Allein dies war absurd genug.

    Die Sagrada Família steht wie ein sehr schönes Mahnmal dafür, dass auch andere Länder Fertigstellungstermine eher als Gesprächsangebot verstehen. Deutschland hat also nicht einmal auf Bauverzögerung ein Monopol. In der Nähe dieses gewaltigen, unvollendeten Gebäudes sollten wir also einen Cannabis Club besuchen.

    Ich hatte keine genaue Vorstellung davon, was uns erwartet. Natürlich ist das gelogen. Man hat immer Vorstellungen. Man nennt sie nur gern „offen sein“, damit sie gebildeter klingen. Vielleicht erwartete ich einen dunklen Raum. Vielleicht sehr viel Rauch. Vielleicht Menschen, die so aussahen, als hätten sie ihre komplette Persönlichkeit an eine Pflanze ausgelagert. Vielleicht Szene. Vielleicht Tourismus. Vielleicht dieses leicht unangenehme Gefühl, irgendwo gelandet zu sein, wo alle schon länger dazugehören als man selbst.

    Stattdessen landeten wir auf einer Geburtstagsfeier. Nicht auf irgendeiner. Auf der 10- Jährigen Geburtstagsfeier des Vereins. Das war der erste Moment, in dem meine inneren Vorurteile kurz technische Probleme hatten. Der Raum war nicht luxuriös. Nicht durchdesignt. Nicht so ein Start-up-Traum in Schwarz, Gold und Hanfblatt, bei dem man schon an der Wandgestaltung merkt, dass gleich jemand „Premium Experience“ sagt. Er war einfach ein Ort.

    Mit Menschen. Jüngeren. Älteren. Menschen, die begrüßt wurden. Menschen, die sich kannten. Menschen, die nicht so wirkten, als müssten sie für irgendjemanden ein Klischee erfüllen. Das war fast irritierend. In Deutschland wurde über Cannabisräume oft gesprochen, als könnten sie nur aus Rausch bestehen. Als würde ein Ort, in dem Cannabis eine Rolle spielt, automatisch jede andere soziale Funktion verlieren. Dieser Raum tat das nicht.

    Er bestand aus Gesprächen. Aus Wiedersehen. Aus Musik. Aus Vereinsgeschichte. Und ja, natürlich auch aus Cannabis. Aber Cannabis fraß nicht den ganzen Raum auf.

    Das war der Unterschied.

    Meine Frau sah das schneller als ich. Sie versteht Menschen ohnehin schneller. Ich verstehe Zahlen, Abläufe, Risiken und stelle als erstes die Frage, warum niemand vorher an die zweite Unterschrift gedacht hat. Meine Frau versteht Räume. Stimmungen. Blicke. Ob Menschen sich sicher fühlen. Ob jemand wirklich zuhört. Ob Gemeinschaft nur behauptet wird oder tatsächlich stattfindet.

    Während ich innerlich Zugang, Mitgliedschaft, Kosten und Rahmenbedingungen sortierte, sah sie etwas Einfacheres: Die Menschen mussten sich nicht verstecken. Und das verändert alles.

    Wer sich nicht verstecken muss, muss weniger Theater spielen.

    Illegalität produziert nicht nur Risiken. Sie produziert Rollen. Man spricht anders. Man weicht aus. Man tarnt. Man testet, wem man was sagen kann. Man baut Codes, Geheimnisse und manchmal eine ganze Identität um etwas herum, das eigentlich nicht das ganze Leben erklären müsste.

    In diesem Club war Cannabis nicht heimlich. Aber es war auch nicht aufdringlich.

    Es war eingebettet. In Mitgliedschaft. In Regeln. In Beziehungen. In eine Geschichte dieses Ortes.

    Das war stärker als jede deutsche Grundsatzrede, die ich bis dahin gelesen hatte. Dann gab es eine Ansprache. Ich verstand nichts. Mein Spanisch reichte für Begrüßung, Essen bestellen und den Versuch, nicht versehentlich Dinge zu bestellen, die mich aus dem Meer heraus vorwurfsvoll anschauen. Also nutzten wir Google Translate.

    Das ist keine besonders würdevolle Art, einer emotionalen Rede zu folgen. Aber würdevolle Lösungen sind im echten Leben oft erstaunlich unpraktisch.

    Satz für Satz wurde klarer, worum es ging. Um die Geschichte des Clubs. Um Menschen, die ihn aufgebaut hatten. Um Schwierigkeiten.

    Um Zusammenhalt. Um Stolz. Nicht dieses laute „Wir sind die Größten“, das in manchen Szenen gern mit Bedeutung verwechselt wird. Eher ein ruhiges: Wir haben das hier gemeinsam geschafft. Und genau da wurde es für mich interessant. Ich hatte bis dahin in Deutschland viele Menschen über Cannabis reden hören. Über Freiheit. Über Rechte. Über Prohibition. Über Konsum. Über Märkte. Über Modelle.

    Aber hier sah ich etwas anderes: Bindung.

    Nicht kitschig. Nicht als Vereinsromantik. Sondern als soziale Tatsache. Menschen kamen nicht nur, weil dort Cannabis war. Sie kamen, weil dort ein Ort war, der ihnen gehörte. Nicht im Eigentumssinn. Im Beziehungssinn. Das ist ein riesiger Unterschied.

    Ein Dealer bietet Versorgung. Ein Shop bietet Ware. Ein Verein müsste mehr bieten: Zugehörigkeit mit Regeln. Und genau an dieser Stelle wird es unbequem. Denn viele, die in Deutschland später sehr begeistert von Cannabis Social Clubs sprachen, meinten im Grunde keine Clubs.

    Sie meinten legale Bezugsstellen mit hübscherem Namen. Ein bisschen Mitgliedschaft, solange sie nicht stört. Ein bisschen Gemeinschaft, solange sie niemanden verpflichtet. Ein bisschen Prävention, solange sie in der Schublade bleibt. Ein bisschen Verein, solange sich niemand wie ein Vereinsmitglied benehmen muss. Das ist kein Club. Das ist ein Shop mit Satzung.

    Barcelona zeigte mir nicht, wie man es perfekt macht. Aber Barcelona zeigte mir, wie falsch die deutsche Fantasie werden konnte, wenn man das Soziale aus dem Modell herauskürzt und nur noch die Abgabe übrig lässt. Nach der Feier sprachen wir mit Villan, dem Vorstand des Clubs und Ana Afuera von ENCOD.

    ENCOD war mir vorher schon begegnet: ein europäisches Netzwerk, das sich lange mit Drogenpolitik beschäftigt hatte, bevor Cannabis in Deutschland plötzlich regierungsfähig wurde.

    Das Gespräch war wohltuend anders. Weniger Bühne. Mehr Erfahrung. Weniger „Ich erkläre dir jetzt mal die Freiheit“. Mehr: Das sind die Dinge, an denen solche Strukturen wirklich hängen. Es ging um Regeln. Um Vertrauen. Um Mitglieder. Um Behörden. Um Verantwortung.

    Um die Frage, wie man nicht-kommerzielle Modelle schützt, bevor sie von Marktlogik, Eitelkeit oder politischer Angst zerlegt werden. Und es ging um Akzeptanz. Nicht Akzeptanz im Sinne von: alles egal, Hauptsache Hanfblatt drauf. Sondern Akzeptanz als nüchterne Erkenntnis: Menschen konsumieren. Sie tun es ohnehin.

    Die Frage ist, ob man sie in Unsichtbarkeit, Schwarzmarkt und Scham drückt oder ob man Strukturen baut, in denen Risiken kleiner werden, weil man Menschen ernst nimmt. Das war für mich der Kern. Nicht Cannabis feiern. Nicht Cannabis verstecken. Sondern Verantwortung organisieren. Das klingt trocken.

    Ist es auch. Aber genau darin lag die Kraft.

    Ein Verein konnte bedeuten: Mitgliedschaft statt Laufkundschaft. Begrenzung statt Absatzlogik. Prävention statt Werbesprache. Regeln statt Bauchgefühl. Nicht automatisch. Nicht garantiert. Nicht, weil irgendwo „Club“ draufsteht. Aber möglich. Und Möglichkeit ist gefährlich. Möglichkeit bringt Menschen auf Ideen.

    Auf dem Rückweg durch Barcelona dachte ich nicht: So machen wir das jetzt genauso. Das wäre albern gewesen. Deutschland würde niemals einfach etwas übernehmen, nur weil es funktioniert. Deutschland würde erst prüfen, ob Funktionieren mit genügend Papier untermauert werden kann.

    Aber ich dachte: Es geht.

    Ein Raum, in dem Cannabis vorkommt, muss kein Kifferklischee sein. Ein Club kann mehr sein als eine Ausgabestelle. Erwachsene Menschen können erwachsen behandelt werden, ohne dass sofort die Gesellschaft implodiert.

    Und Gemeinschaft entsteht nicht durch das Wort Gemeinschaft. Sie entsteht durch Arbeit. Das war die unbequeme Erkenntnis. Denn Arbeit bedeutet Zuständigkeit. Geld. Konflikte. Grenzen.

    Menschen, die nicht nur „wir müssten“ sagen, sondern etwas tun. In Barcelona sah ich zum ersten Mal ein Bild davon. Und manchmal ist ein Bild gefährlicher als ein Konzept. Ein Konzept kann man abheften.

    Ein Bild bleibt.

    Barcelona 2023

    Was davon bleibt

    Barcelona hat mir nicht gezeigt, wie man in Deutschland eine Anbauvereinigung gründet.

    Dafür ist Deutschland zu talentiert darin, gute Ideen erst einmal durch Zuständigkeit, Misstrauen und Formularlogik zu drehen. Barcelona hat mir etwas anderes gezeigt:

    Cannabis muss nicht nach Schwarzmarkt aussehen. Ein Club muss nicht nach Konsumromantik aussehen. Und ein Verein darf nicht zur Ausgabestelle mit Vereinsregistereintrag verkommen.

    Wenn man das Soziale aus einem Cannabis Social Club entfernt, bleibt am Ende nur Cannabis übrig. Und dann muss man sich nicht wundern, wenn alle nur noch über Abgabe, Mengen und Preise reden. Mich interessierte ab diesem Moment nicht mehr nur die Frage, ob so ein Modell möglich ist.

    Mich interessierte, ob man es richtig machen kann. Nicht perfekt.

    Richtig. Mit Rückrat. Mit Regeln. Mit Menschen, die nicht versteckt werden müssen. Ich kam nicht aus Barcelona zurück und dachte: Jetzt gründen wir sofort einen Socialclub.

    So funktionieren solche Geschichten nur in schlechten Gründerfilmen. Ich kam zurück und dachte:

    Das ist möglich.
    Nicht billig. Nicht bequem. Nicht ohne Streit. Nicht ohne Bürokratie. Aber möglich.

    Leider reicht möglich bei mir manchmal schon um mich noch tiefer in die Scheiße zu reiten.

    Zu diesem Zeitpunkt war der Referentenentwurf des späteren Cannabisgesetzes bereits veröffentlicht. Und während ich noch versuchte, aus Barcelona ein Bild von gelebter Normalität mitzunehmen, zeigte Deutschland schon wieder, wie es gute Ideen verarbeitet:

    Es macht daraus eine Staatsaffäre.

    In der Gründungscommunity des späteren CAD, damals noch ohne offiziellen Verband, hatten wir bereits eine Stellungnahme und konstruktive Änderungsvorschläge an das Bundesgesundheitsministerium geschickt. Das Ergebnis war ungefähr das, was in Deutschland oft passiert, wenn man keine große Institution, keine finanzstarke Lobby und keinen wirtschaftlichen Apparat im Hintergrund hat:

    Man wird freundlich zur Kenntnis genommen. Und dann ignoriert.

    Das „Social“ in Cannabis Social Clubs spielte im politischen Entwurf kaum eine Rolle. Es ging um Kontrolle, Beschränkung, Abstand, Zuständigkeit und Misstrauen. Gemeinschaft kam vor, aber eher wie ein dekoratives Element auf einem Verwaltungsakt, es nannte sich Mitwirkung….

    Wir versuchten mit den Mitteln, die wir hatten, noch auf Abgeordnete und den Gesundheitsausschuss einzuwirken. Was daraus geworden ist, kann heute jeder an der aktuellen Lage selbst sehen.

    Aber damals war ich noch optimistisch genug, zu glauben, dass Argumente zählen könnten.

    Auch das war eine Phase.

    Hinweis:

    Diese Kolumne erzählt persönliche Erfahrungen aus der Gründung und Arbeit der Green Leaf Society e.V. Sie ist keine Werbung für Cannabis und kein Konsumanreiz, sondern ein Einblick in Vereinsarbeit, Legalisierung und Verantwortung.

    Green Leaf Society e.V. ist eine nicht-kommerzielle Anbauvereinigung in Berlin. Informationen zu Mitgliedschaft, Voraussetzungen, Beiträgen, Prävention und Vereinsstruktur findest du auf den Informationsseiten des Vereins.